Diana Achtzig - Lesart
Konzeption der Bildwelt in Bezug auf die Kunstgeschichte
Die Wurzeln der Diana Achtzig Bildwelt und deren Knotenpunkte liegen ausdrücklich im veristischen Surrealismus. Als thematische Schwerpunkte wird zum einen die Rolle der Frauen, Männer und Kinder sowie deren privates Leben favorisiert, zum anderen der Sadismus, die Macht und Ohnmacht. Damit ist zugleich die prinzipielle Verwandtschaft zwischen dem Schaffenswerk der Künstlerin und jenem der veristischen Surrealisten zu konstatieren. Für die kunsttheoretische Auseinandersetzung mit den hier vorliegenden kolorierten Tableaus sind folgende Aspekte grundlegend: In der Bildwelt der Künstlerin bieten sich dem Betrachter stets auf einem schriftlichen Konzept basierende, grundsätzlich und konsequent dramaturgisch inszenierte Entwürfe des privaten zwischenmenschlichen Lebens mit einem Bezug zur Zeitgeschichte.
Die dem Einzelnen zu entgleiten drohende Realität in der Gesellschaft wird radikal thematisiert. Der Rezipienten sieht sich mit stets gefährdeten menschlichen und surrealen Figuren konfrontiert, deren Seelen im Zuge des Lebens- und ExistenzÂkampfes fortwährenden verletzt werden. Sie wirken folgerichtig kraftlos oder unterkühlt bis distanziert, sogar beklemmend oder schauderhaft; diese Figurencharaktere entwickeln merkwürdige bis tragische Angewohnheiten bis hin zur Ausprägung eines Fetischs. Sie sind als hin und her schwankende, pendelnde, kippelnde oder fliegende Wesen, die sich bisweilen auf Abgründe zubewegen, involviert in den kreierten, die Bildkomposition prägenden Spannungsbogen. Und diese Spannung spitzt sich als charakteristisches Kompositionselement stetig zu: vom Surrealen zur übergeordneten abstrakten Ebene über einem unendlichen Abgrund bis hin zum Bizarren, wobei der Bogen am Punkt der maximalen Spannung zu einer facettenreichen bildsemantischen Explosion führt.
Diana Achtzig verbindet das gezielte Aufgreifen und klare Umsetzen von kritischen und synthetischen FrageÂstellungen mit ihren inszenierten Figurenspektakeln zu einer stetig sich zuspitzenden maximalen Gefahr, die das private Leben in der gegenwärtigen Gesellschaft erörtert und bedroht, wahrzunehmen (hierzu anschaulich das Bild »Die Verkehrshütchendiebin«).
Für ihre Bildwelt ist ebenfalls das zeitaktuelle Schaudermoment ein relevantes Charakteristikum: Es wird in spezifischer künstlerisch-technischer und künstlerisch-inhaltlicher Gestaltung umgesetzt und von dem Rezipienten im Sinne eines Angst, Furcht und Entsetzen auslösenden Kältegefühls rekreiert. In diesem Zusammenhang verweist die Künstlerin auf das Gemälde »Das Floß der Medusa« (1818/19) von Théodore Géricault (1791-1824), in dem ebenfalls das Moment des Schauderhaften mit aktuellem Zeitbezug wiedergegeben ist, wobei es hier der Vermittlung von Grauen, Horror und Brutalität dient und den Betrachter direkt und extrem konfrontiert. Auch die Nähe zum Schaudermoment im Oeuvre von Jenny Saville (*1970) sein in diesem Kontext erwähnt. Die Engländerin Jenny Saville inszeniert aufgrund ihrer Faszination an den „Schwebezuständen der Existenz und der menschÂlichen Identität“ tote Körper in einer beeindruckenden Sinnlichkeit auf großformatigen LeinÂwänden.
Schließlich entlehnt Diana Achtzig ihre künstlerische Aufarbeitung dem Duktus des zeitgenössische umstrittenen Regisseurs Quentin Tarantino (*1963): eine äußerst brutale und makabere Sichtweise auf die heutige Gesellschaft mit seinen hauptsächlich die Themen Gewalt, Sex und Sadismus behandelnden, von einem drastischen und rigorosen Witz geprägten Arbeiten. Die Charaktere in seinen Filmen kämpfen ständig ums nackte Überleben, Nebenfiguren sterben im Minutentakt. Schließlich enthält sein Regiekonzept konsequent den Zitatbezug zur Filmgeschichte.
Auch die im zeitgenössischen Gesellschaftskontext kreierte Bildwelt der Künstlerin Diana Achtzig ist das bewusste und vielfältige Zitieren vor allem aus dem Bereich der Kunstgeschichte wie beispielsweise das stets wiederkehrende Trojanische Pferd kennzeichnend. In die hier vorzustellende Bildwelt sind ebenfalls Zitate aus den Bereichen der Theater- und Bühnenkostüm- sowie Kulturgeschichte integriert worden, ebenso aus der Jugendkultur, Musik, Mode, Medizingeschichte, Botanik, dem Industriedesign und dem Techniksektor; somit ist die Integration fachübergreifender Bezugssysteme garantiert.
Stets ist die Datenautobahn das grundlegende wiedererkennbare und relevante Kompositionselement: Als abstrahierender, sandfarbener Weg verläuft sie in schmaler oder breiter Ausdehnung ausgehend vom Bildvordergrund weiter in konischer Form bis fast in den äußersten Bildhintergrund, wo sie sich zu einer feminin anmutenden Gestalt ins Abstrakte empor schwingt. Diese Datenautobahn ist auch als Sinnbild zu verstehen für den in unserer Zeit allgegenwärtigen, charakteristischen Daten- bzw. Informationsrausch. Der in seiner deutlichen Aussparung über das Imaginäre hinaus partiell eindeutig nachvollziehbare, aber dennoch fehlende Mittelstreifen stellt grundsätzlich einen Verweis auf die Fehlinformationen dar, mit denen wir ständig bewusst oder unbewusst genährt werden – exemplarisch hierfür ist der tägliche Werbeterror.
In ihren derzeit zu bearbeitenden Bildern (200 x 180 cm) setzt sich die Diana Achtzig konzentriert mit dem Thema »Aristophanes die Vögel« und dem damit verbundenen Sturz aus dem Himmel in ihrem neuesten gemalten Triptychon sowie mit dem ewigen »Traum vom Fliegen« bezüglich der Flugapparate von Leonardo da Vinci mit dem dazugehörigen Seelenflug auseinander, im besonderen Fokus stehen dabei die kunstgeschichtlichen Zitaten aus der gegenwartsbezogenen Postmoderne. Als historische, wissenschaftlich-technisch fundierte Bezugspunkte dienen Leonardo da Vincis Flugapparate und Bühnenerfindungen sowie die Ballonkonstruktionen der Brüder Montgolfier als Inspirationsquelle.
Der den Bildkonzeptionen zugrunde liegende Spannungsbogen reicht somit einerseits vom veristischen Surrealismus, wie dieser sich auch in den imposanten Riesenbildern Neo Rauchs (*1960) zeigt, bis hin zum Jugendstil in Österreich mit dessen bedeutendstem Vertreter Gustav Klimt (1862-1918), wobei die pulsierenden Bildwelten Francisco José Goyas (1746-1828) ebenfalls als Inspiration integriert sind. Andererseits kulminiert der Spannungsbogen in einer gedeckten Farbwelt sowie einem Figurenspektakel, welches in der postmodernen Gesellschaft umherwandelt.
Lesart zu den Installationen/Skulpturen
Basierend auf den ausführlichen Erörterungen von der bereits erwähnten Konzeption bis zu den Interpretationsansätzen zu der Achtzig Bildwelt sei hinsichtlich der Lesart für ihre Installationen/ Skulpturen zusammenfassend zu betonen,
dass einerseits der veristische Surrealismus, andererseits der Bezug einer übergeordneten abstrakten Ebene bis hin zum Bizarren und schließlich die Verknüpfung fachübergreifender Verbindungen, beispielsweise der Zitatbezug zur Kunstgeschichte,
stets grundlegend für die Konzepte ihrer künstlerischen Arbeiten als Präferenz gelten. Diana Achtzigs Bilderwelten stehen auch in der Tradition der Maler-Bildhauer, beispielsweise Georg Baselitz (*1938) und Markus Lüpertz (*1941). Gerade mit Letzterem teilt sie als Malerin das primäre Interesse an Skulpturen hinsichtlich deren Betrachtungsmöglichkeit von allen Seiten, wobei die Skulpturen und deren dramaturgisch-szenische Inszenierung zu Installationskonzepten ausreifen.
„Nach Lüpertz ist die Skulptur eine vollendete Voraussetzung, um sich mit dem Bild auf abstrakterer Ebene auseinanderzusetzen: So entsteht beim Formen der Skulptur mit den eigenen Händen ein abstrakteres Bild als beim Zeichen oder Malen. Hinzu kommt die wichtige Farbgestaltung der Oberflächen auf den zu meinen Installationen gehörenden Skulpturen, die somit nicht nur als allseitig zu betrachtende Farbträger zu verstehen sind, sondern im Besonderen mehre Skulpturebenen und somit halb- und transparente Schichten aufweisen, die ineinander verschmelzen“ (Diana Achtzig).
Copyright © 2008 Diana Achtzig